Schlusslichter des ESC – Nachtrag

ESC Punktesysteme und Teilnehmer im Laufe der Zeit

Auch wenn der Wettbewerb schon 1956 Grand Prix Eurovison de la Chanson hieß, waren die Anfänge bescheiden, ohne Prime Time, ohne Glamour, und ohne „twelve points“.

Beim ersten Wettbewerb gab es eine geheime Wahl einer anonymen Jury und nur die nüchterne Bekanntgabe des Gewinners. In den Folgejahren wurde dann zwar schon ein Juror pro Land eingesetzt und alle Teilnehmer platziert, aber wegen schlecht durchdachter Punktesysteme, waren auch mehrere Sieger (4 Sieger im Jahr 1969) und geteilte Platzierungen möglich. Bis 1974 hat man einige Variationen ausprobiert, aber es dauerte 18 Jahre, um auf das System der 10 besten Songs und die Punkte 1-8, 10 und 12 zu kommen.

    1. Modus 1956 – 1961 ein Juror pro Land, 1 Punkt für den Favoriten. Dieser Modus wurde auch 1967-1970 und 1974 eingesetzt.
    2. Modus 1962 Es gab 3 Punkte für den Favoriten des jeweiligen Jurors, absteigend wurden weitere 2 und 1 Punkte vergeben.
    3. Modus 1963 Das System aus dem Vorjahr wurde auf 5 Punkte für den Favoriten und von 4 absteigend erweitert.
    4. Modus 1964 Jeder Juror bewertete jedes Land, woraus eine Liste entstand, die jeder Juror mit Punkten bewerten sollte. An den besten Titel wurden fünf Punkte, an den zweitplatzierten drei und an den drittplatzierten ein Punkt vergeben. Sollte nur ein Titel nominiert werden, bekommt dieser alle neun Punkte, sollten es zwei sein, bekommt der erste sechs und der zweitplatzierte Titel drei Punkte.
    5. Modus 1971-1973 installierte erstmals zwei Juroren pro Land (einer älter und einer jünger als 25 Jahre). Es wurden jeweils 1-5 Punkte pro Lied vergeben, wodurch erstmals über 100 Punkte in der Endsumme möglich waren.

1961 wurde die Show erstmals zur Primetime am Samstag ausgestrahlt. Die Einschaltquote in Deutschland lag bei 33%.

Ab 1975 wurden pro Land Juroren-Teams bestehend aus musikalischen Laien und Fachleuten verschiedenen Alters und Geschlechts eingesetzt, die die 10 besten Lieder nach dem heute bekannten Punktesystem bewerteten. Jede Platzierung wurde verkündet (nicht wie heute nur die 3 Besten), wodurch die Shows immer bis weit nach Mitternacht dauerten. Dieses System blieb bis 1996 weitestgehend unverändert.

Bis 1990 konnte jedes EBU-Mitglied teilnehmen, aber die mittel- und osteuropäische Erweiterung machte Vorausscheidungen nötig. 1993 gab es beispielsweise einen osteuropäischen Vorentscheid, in dem 7 Länder um 3 Teilnehmerplätze sangen. Ab 1994 wurde das Teilnehmerfeld auf 25 Nationen begrenzt und die schlechtesten 6 des Vorjahres durften im Folgejahr nicht teilnehmen. Als ’95 Deutschland Letzter wurde und ’96 regelkonform ausgeschlossen war, drohte man als größter Beitragszahler der EBU und damit Hauptsponsor des ESCs, mit der Einstellung der Finanzierung, wodurch dann das Konzept der Big Four bzw. heute Big Five entstand. Die größten Beitragszahler Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und seit 2011 auch Italien sind seitdem automatisch für die Finalshow qualifiziert. Das Prinzip der zwei Halbfinals, aus denen sich jeweils 10 Nationen für die Hauptshow qualifizieren, gilt seit 2008. Die Sperre der 6 schlechtesten Nationen entfiel damit.

Die letzten Plätze des ESC – eine Statistik

– Norwegen hat zwar schon 3x den Wettbewerb gewonnen, wurde dafür aber auch schon 11x Letzter und ist damit unter den Verlierern Spitzenreiter.
– Finnland liegt auf Platz 2 mit 9 Schlusslichtern
– Platz 3 teilen sich Deutschland und Österreich mit jeweils 8 roten Laternen.
– Insgesamt gab es 34 Teilnehmer, die mit 0 Punkten nach Hause gefahren sind, wobei man einräumen muss, dass viele davon Opfer der Punktesysteme der ersten 18 Jahre waren.
– Seit dem 12-Punkte-System haben 16 Interpreten das Minimum nicht überschritten, zuletzt Deutschland und Österreich im Jahr 2015.
– Anne Karine aus Norwegen hat als einzige das Kunststück geschafft 2x anzutreten, um bei 2 verschiedenen Punktesystemen 2x auf dem letzten Rang zu landen. 1974 reichte es mit „The First Day Of Love“ für 3 Punkte und 1976 mit „Mata Hari“ für 7 Punkte und den letzten Platz.

Unpolitischer Eurovision Song Contest

Man schreibt dem ESC ja gerne den Ruf der Völkerverständigung, dem friedlichen und toleranten Miteinander und generell eine politikfreie Zone zu. Das diesjährige Motto in Kiew heißt beispielsweise „Celebrate Diversity“ (Feiere die Vielseitigkeit). Tatsächlich ist der Wettbewerb aber immer wieder Schauplatz kleiner und größerer Scharmützel (2017 dank des Eklats um die russische Teilnehmerin, die nicht in die Ukraine einreisen darf, mehr denn je), die sich sowohl im Umfeld als auch während der Liveshows bemerkbar machen. So haben sich in der Vergangenheit schon einige Nationen aus Protest von der Teilnahme am ESC zurückgezogen und auch das Publikum hat einige Nationen mit Missgunst gestraft, unabhängig von der Qualität der musikalischen Beiträge.

– 1969 blieb Österreich zu Hause, um den Protest gegen Spaniens Franco-Diktatur Ausdruck zu verleihen.
– 1980 gab es mit Marokko den bis heute einzigen Teilnehmer einer arabischen Nation, obwohl auch Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Jordanien und Libanon Mitglieder der Europäischen Rundfunkunion sind. Alle bleiben von der einen Ausnahme abgesehen wegen der Teilnahme Israels aus Solidarität zu den Palästinensern dem ESC fern.
– Georgien zog sich 2009 freiwillig zurück, da ihr Song „We Don’t Wanna Put In“ von einigen als Kritik gegen Putin ausgelegt wurde.
– 2011 schickte Weißrussland den Song „I love Belrus“ ins Rennen. Der Titel war offensichtlich Regime gesteuert, durfte aber teilnehmen. Es war schon ein Ersatztitel, weil der ursprüngliche Song „I am Belarusian“ wegen zu früher Veröffentlichung disqualifiziert wurde. Der Song und die Umstände kamen außerhalb der ehemaligen Sovietstaaten nicht so toll an.
– Armenien gab 2012 fehlende Sicherheit für die Teilnehmer als Grund für den Rückzug vom ESC im verfeindeten Aserbaidschan an.
– Die Türkei ist seit 2013 nicht mehr dabei, offiziell aus Protest gegen die Big Five Regelung und der gleichwertigen Gewichtung von Jury und Televoting, aber seit 2014 und der Teilnahme samt Sieg von Conchita Wurst wird der ESC in der Türkei auch nicht mehr ausgestrahlt, da man dem Publikum „sexuell aufgeladene Auftritte“ und Siege von homo- und transsexuellen Künstlern nicht zumuten will. Conchitas Sieg ist auch nach wie vor als politisches Statement des Publikums zu verstehen.
– Im Jahr des Inkrafttretens des russischen Anti-Homosexualität-Gesetz (vereinfacht ausgedrückt) wurden die russischen Teilnehmer vor und nach dem Auftritt tendeziell ausgegrenzt und vom Publikum teils sogar ausgebuht, was es in dieser Form beim ESC so bisher nicht gab. Die ESC-Regie unterstützte diese Stimmung durch wiederholtes Einblenden von Fans mit Regenbogenfahnen.

Und hier das versprochene Ampelmännchen bzw. die Ampelfrauen aus Wien:

Wichtigste Regeländerungen der jüngsten Zeit

Bis 1998 bekamen neben den Interpreten auch die Komponisten und die nicht singenden Musiker ihre Zeit im Rampenlicht, denn man vergisst heute gerne, dass es sich nach wie vor um einen Gesangs- und Kompositionswettbewerb handelt. So dirigierte der Komponist immer ein großes Liveorchester und begleitete damit seinen Künstler/seine Künstlerin. Guildo Horn war mit seiner Band der letzte deutsche Künstler beim ESC, der komplett live spielte, während Stefan Raab mit einem Essstäbchen dirigierte, weil er sonst nichts passendes organisieren konnte. Heute ist nur der Gesang live, die Musik kommt aus der Konserve.

1997 wurde erstmals das Televoting ausprobiert. Fünf Nationen ermittelten auf diese Art die 10 besten Songs, während die übrigen weiterhin Juroren einsetzen. 1998 löste das Televoting dann die Juroren vorläufig ab und alle Nationen außer Russland und Ungarn ermittelten den Sieger durch Zuschauerabstimmung. Da die Ergebnisse aber zu oft wirkten, als wären sie nur nach Symphatie und nicht nach Qualität erzielt worden, wurden ab 2009 wieder nationale Jurys zugeschaltet, deren Ergebnis zu 50% in die jeweiligen Ergebnisse der Televotings eingerechnet wurden. Seit 2016 werden diese Punkte voneinander getrennt, woraus sich eine maximale Punktzahl von 24 Punkten pro Nation für den beliebtesten Song ergibt. Diese 2x 12 Punkte werden in zwei Blöcken – erst alle Zuschauerergebnisse, dann alle Juryergebnisse – bekanntgegeben.

Die wichtigsten aktuellen Regeln

– Neben den Big Five ist immer der Vorjahressieger automatisch qualifiziert.
– Die Reihenfolge der Auftritte wird nicht ausgelost, sondern nach dramaturgischen Gesichtspunkten von den Produzenten der jeweiligen Show festgelegt.
– Die Jury trifft ihre Entscheidung bereits während der zweiten Generalprobe („Juryfinale“), die sie im eigenen Land am Bildschirm verfolgt. Jedes Jurymitglied muss die Beiträge, über die es abstimmen darf, in eine Reihenfolge bringen.
– Das Mindestalter der Interpreten ist 16 Jahre (am Tag des Halbfinales).
– Der Titel darf nicht vor dem 1. September des Vorjahres kommerziell veröffentlicht worden sein.
– Der Titel muss live gesungen und mit Halbplayback vorgetragen werden.
– Die Sprache des Vortrags kann jedes Teilnehmerland frei wählen.
– Es dürfen während des Vortrags höchstens sechs Personen auf der Bühne stehen. Tiere sind nicht erlaubt.
– Die Länge des Beitrags darf maximal drei Minuten betragen.
– Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur sind während des Contests untersagt. Dies gilt ebenso für Texte oder eine Bühnenshow, die den Wettbewerb allgemein in Misskredit bringen könnten oder Werbung für Unternehmen, Produkte und Dienstleistungen machen.

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